Kultur
Hypnotische Ästhetik trifft auf rohe Energie
Tanzdoppelabend am Staatstheater Kassel

(Quelle: Sylwester Pawliczek)
GDN -
Nach der Eröffnung der Kasseler Ersatzspielstätte INTERIM im Oktober erfolgte die erste Tanzpremiere in dem neuen Theaterbau. Der mitreißende Doppelabend „tHE bAD / Shuv“ mit Choreografien von Hofesh Shechter und Eyal Dadon begeisterte das Publikum.
Das erste Stück des Abends ist „Shuv“ – eine Choreografie von Eyal Dadon, die bereits in der vergangenen Spielzeit in Kassel aufgeführt wurde und nun in einer überarbeiteten Fassung – mit dem aktuellen Ensemble und in einem neuen Raum, der laut Tanzdirektor Thorsten Teubl eine spannende Herausforderung bei der Erarbeitung dargestellt hat, zu erleben ist.
Nach und nach betreten die sieben TänzerInnen einzeln aus verschiedenen Richtungen die minimalistische Bühne. Diese besteht aus einem Lichtkreis und rückt die TänzerInnen in das Zentrum des Geschehens. Die Kreisform gibt bereits einen Hinweis auf das Thema des Stücks. Der Zyklus des Lebens zieht sich als roter Faden durch die Choreografie. Der hebräische Titel „Shuv“ bedeutet übersetzt „wieder“ und kann als Anspielung auf den permanenten Kreislauf von Entstehen und Vergehen – Leben und Tod - verstanden werden.
Aus der Verschmelzung von Musik und Bewegung erwächst eine hypnotische, teils meditative Atmosphäre. Die Körper der TänzerInnen vibrieren oder bewegen sich fließend und weich, wirken kontrolliert und rufen Assoziationen an Flamenco, Eiskunstlauf oder die Welt der Samurai hervor – und sind stets hochästhetisch.
Die ausdrucksstarken TänzerInnen auf der Bühne finden sich gelegentlich in Gruppen oder Paarkonstellationen zusammen. Die Verbindungen unter ihnen wirken dabei zufällig, flüchtig und kaum emotional. Sie reagieren aufeinander, agieren jedoch wenig miteinander.
Im letzten Drittel des Stücks mischen sich zunehmend verfremdete beduinische Klänge sowie mitreißende perkussive Rhythmen in die anfangs flirrende Soundcollage (Sounddesign: Gil Nemet). Damit verändert sich gleichsam der bis dahin suchende Ausdruck der TänzerInnen, die nun befreit wirken. Die anfängliche Zerrissenheit scheint gewichen.
Nach der Pause folgt “tHE bAD” von Hofesh Shechter. Der mittlerweile zum Weltstar emporgestiegene israelische Künstler war bereits vor elf Jahren mit seiner kraftvollen und intensiven Choreografie „Dog“ am Staatstheater Kassel zu Gast. Nachdem er im Jahr 2008 die heute weltweit anerkannte Hofesh Shechter Company gegründet hatte, erfolgte bald sein internationaler Durchbruch. Es folgte eine beeindruckende Karriere, die von zahlreichen Auszeichnungen und Ehrungen geprägt ist. Heute gilt Shechter als einer der originellsten und gefragtesten Choreografen Europas, dessen Werke sich oftmals durch eine starke, rohe Körperlichkeit auszeichnen.
“tHE bAD” blickt auf eine lange Entwicklungsgeschichte zurück, wurde es doch vor bereits 15 Jahren anfänglich für lediglich zwei PerformerInnen kreiert und hat seitdem zahlreiche Wandlungen erfahren. In Kassel stehen zwölf TänzerInnen auf der leeren Bühne, die eine wilde und überraschende Performance abliefern. Mit kraftvollen, archaischen Bewegungen erobern sie den Raum. Das Werk unterscheidet sich erheblich vom ersten Teil des Abends. Während „Shuv“ mit kontrollierten Bewegungen und entsprechender Musik eine hypnotische Atmosphäre geschaffen hat, geht es bei Shechter vom ersten Moment an wesentlich wilder und lauter zu.
Die TänzerInnen scheinen einen lebendigen Organismus, bestehend aus zwölf Elementen, zu bilden und lassen fortwährend neue Konstellationen entstehen, die eilends wieder verworfen werden. Es ergeben sich ambivalente Eindrücke: Unruhige, geradezu chaotische Momente wechseln sich mit Augenblicken höchster Präzision und Struktur ab. Wiederholt brechen einzelne Individuen, ihrem Freiheitsdrang folgend, aus der Gruppe aus, um schon bald wieder integriert zu werden. Wie findet das Individuum seine Rolle in der Gemeinschaft? Wie viel Chaos verträgt - und benötigt - eine Gesellschaft?
Das ausgelassene Geschehen wird von einer von Shechter selbst kreierten explosiven Musikcollage begleitet, die moderne Elektrorhythmen, harte Rockmusik, Rap, groovenden Dub und Renaissancemusik umfasst.
Gekleidet sind die TänzerInnen in goldene, eng anliegende Bodysuits, die je nach Situation und Lichteinfall unterschiedliche Wirkungen entfalten. Es entstehen Assoziationen von nackten, mit Erde oder Ton beschmierten archaischen Menschen, ebenso wie die Vorstellung, auf eine futuristische Gesellschaft zu blicken, wobei der leere Bühnenraum (manchmal ist weniger mehr) Eindrücke einer imaginären Welt, eine von vielen denkbaren Welten, heraufbeschwört.
Shechter sprengt in seinem energiegeladenen Stück „tHE bAD“ bewusst Grenzen und beschreibt sein Werk als eine „Feier des Chaos und der Anarchie“ und wie von einer Feier zu erwarten ist, bereitet die mitreißende Produktion den ZuschauerInnen großen Spaß.
Einige der Anwesenden – zumindest gilt dies für den Rezensenten – hätten sich möglicherweise einen unbestuhlten Zuschauerraum gewünscht, da das Geschehen auf der Bühne dazu einlädt, sich ebenfalls zu bewegen.
Einige der Anwesenden – zumindest gilt dies für den Rezensenten – hätten sich möglicherweise einen unbestuhlten Zuschauerraum gewünscht, da das Geschehen auf der Bühne dazu einlädt, sich ebenfalls zu bewegen.
Die Premierenbesucher haben einen fesselnden und begeisternden Tanztheaterabend erlebt. Insbesondere das Zusammenspiel der beiden Stücke - das hypnotisch-ästhetische „Shuv“ und das energetisch-vibrierende „tHE bAD” – fasziniert und vermittelt einen eindrucksvollen Einblick in die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten dieser großartigen Kunstform.
Wer das fabelhafte und facettenreiche Tanzensemble des Staatstheaters Kassel erleben möchte, hat dazu am 23. Januar 2026 im Rahmen des Tanzfestivals „Embodied Dissent“ die Gelegenheit. Das Festival findet vom 23. bis zum 25. Januar statt und präsentiert die Vielfalt des zeitgenössischen Tanzes aus Israel. Nähere Informationen sowie die Möglichkeit zur Kartenreservierungen erhalten Sie unter https://www.staatstheater-kassel.de oder telefonisch unter 0561 1094-222
Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von GDN können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.



